Jetzt fragen sie sich: Was soll Übersetzen mit Neurodiversität zu tun haben?

Freiberufliches Übersetzen kann ganz schön einsam sein und es liegt bestimmt nicht jedem. Es ist nichts für jemanden der die allmorgendliche Routine mit Aufstehen zur immer gleichen Zeit und dem Pendeln ins Büro braucht, um sich zur Arbeit zu motivieren, und der die Sicherheit eines festen Einkommens braucht auch wenn da mal einige Krankheitstage im Monat zusammenkommen.

Auch wenn sie die Gespräche im Kollegenkreis im Büro nicht missen mögen damit sie die Routinearbeiten schaffen, dann ist das Home-Office auch nichts für sie.

Auf der anderen Seite, wenn man nichts nerviger findet als dummes Geschwätz am Nachbartisch im Großraumbüro zur gestrigen Folge der Bergretter oder den neuesten Bürotratsch, während man sich doch viel lieber auf seine Arbeit konzentrieren würde, und wenn man übersetzt weil man sich wirklich gut fühlt wenn man mit sich mit dem Dekodieren und spielerischem Umsetzen von zwei Sprachen auseinandersetzt und man sich so darin verlieren kann, dass man manchmal vergisst wie spät es ist oder dass man mal eigentlich was essen müsste, dann ist das Home Office genau das richtige Umfeld.

Dabei bin ich in der glücklichen Person, dass ich mit einer neuroatypischen Hirnstruktur geboren wurde. Meine offiziellen Asperger-Autismus Diagnose kam dabei recht spät, aufgedeckt erst durch meinen kurzen ‚Ausflug‘ ins Lehramt. Ich habe nämlich meinen Autismus durchaus erfolgreich für über 30 Jahre als Deutscher Expat ‚maskieren‘ können. Im Englischsprachigen Ausland ist übrigens der Begriff Asperger’s nicht mehr gebräuchlich. Ob mit oder ohne Entwicklungsstörungen: wir sind autistisch.

Bisher hatte Autismus aufgrund der zum Teil beeinträchtigenden Entwicklungsstörungen ein recht negatives Image, daher ist es leicht zu vergessen, dass es durchaus mit ungewöhnlich positiven Fähigkeiten einhergeht.

Sollte Ihnen dieser Gedanke noch neu sein, dann kann ich sehr empfehlen mehr von Tony Attwood zu hören, der in dieser Arbeit aus dem Jahr 1999 sich mit den positiven Aspekten einer Asperger‘s Diagnose auseinandersetzt.

Es gibt gute Gründe warum mehr und mehr Firmen aktiv nach autistischen Bewerbern für bestimmte technische Rollen suchen, die eine ungewöhnlich hohe Konzentrationsfähigkeit verlangen. Dieser Hyperfokus ist nämlich genau solch eine autistische ‚Super Power‘. Sie brauchen 5000 Worte eines technisch anspruchsvollen Textes noch heute übersetzt? Das kann ich.

Weitere Vorteile von Mitarbeitern mit Neurodiversität sind deren Detailverliebtheit, hohe Arbeitsmoral und Qualitätsbewusstsein. Wenn ich ihnen ein Angebot abgebe, dann ändere ich nicht meine Meinung oder schmeiße vorzeitig das Handtuch. Ich habe mir vorher genau überlegt was und wieviel ich bis wann schaffen kann, so dass mein Angebot einschließlich der Lieferzeiten realistisch ist. Die ‚Hyperfokus‘ Fähigkeit, die ich schon erwähnt habe, dieses stundenlange Arbeiten mit voller Konzentration ist definitiv eine meiner Stärken. Dabei habe ich meine Diagnose lange genug, um zu wissen, dass auch Autisten entsprechende Auszeiten und Ausgleichssport brauchen um das nächste Projekt genauso konzentriert und fokussiert angehen zu können.

Aber nehmen Sie nicht nur mein Wort dafür. Professor Amanda Kirby forscht im Bereich Neurodiversität und hat eine App entwickelt mit dem man sein persönliches Neurodiversitätsprofil erstellen kann. So sieht mein Profil in Grafiken aus: Professor Amanda Kirby‘s Neurodiversity Profiler:

Meine Stärken im Bereich Sprachen und Mathematik sind natürlich keine Überraschung. Ferner muss ich als freiberufliche Übersetzerin unbedingt gut organisiert sein, auch wenn das nicht unbedingt eine meiner natürlichen Stärken ist, sondern mit viel Disziplin angeeignet ist. Wenn man sich dieses Profil genauer anschaut, dann sieht man, dass ich meine Schwächen in diesem Bereich der exekutiven Funktionen durch Planen und Detailliebe kompensiere. Dieses individuelle Profil zeigt auf wie vielfältig die autistische Community doch ist.

Mit meinem Autismus gibt es natürlich auch gewisse Herausforderungen. Schließlich muss ich soziale Situationen mit logischem Denken und Schlussfolgerungen bewältigen, statt sie intuitive zu meistern wie die meisten neurotypischen Menschen. Es klappt – meistens – kann aber ganz schön anstrengend sein, vor allem in größeren Gruppen. Im schriftlichen Verkehr mit E-Mail, Skype, ICQ komme ich dagegen problemlos zurecht, und auch Einzelgesprächen stellen kein Problem dar, darum meine späte Diagnose im Lehramt – unterrichten mit 30 Kindern in einem Raum? Nein Danke. Hier ist noch eine letzte Grafik zu meinem kognitiven Profil:

 

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